DIE WIRKLICHKEIT ODER WAS MAN DAGEGEN TUT

Lotte Ingrisch

Meine Herrschaften, immer hereinspaziert!
Hier werden Monstrositäten serviert!

Nackt, wie Gott Sie schuf, seh'n im Panoptikum
Sie sich selber, und das haut Sie um.
Ihre Seele ist ein Waffenarsenal
Und Ihr Glück ist Ihres Nächsten Qual.
Doch des Bösen und der Sünde Siegel
Trägt der Mensch nicht - sondern nur sein Spiegel!

Üben Sie lachend und ohne Verachtung
Die schwierige Kunst der Selbstbetrachtung....

Der sprichwörtliche „Wiener Schmäh“ ist nicht nur die leicht frotzelnde Konversationsart österreichischer Hauptstadtbewohner, er ist zugleich die hohe Kunst der Irreführung, des virtuos gezimmerten Lügengebäudes, sei es zur sarkastischen Bloßlegung oder zur arglistigen Manipulation der Wirklichkeit. In Lotte Ingrischs „Die Wirklichkeit oder Was man dagegen tut“ ist der „Schmähtandler“ – eigentlich der notorische Lügner, hier ein Masken- und Kostümverleiher – das heimliche Zentrum einer Gesellschaft, die mehr den Schein will als das Sein: „Ich leb’ von der menschlichen Unzufriedenheit. Wo die Hoffnung welkt, blüht der Schmäh.“

Ambrosius Krk, ein vom Leben schon etwas gezeichneter Flickschneider, begegnet am Wurstelprater der Witwe Valerie Ratzensamt, spezialisiert auf trostlose Ehen, die mit dem verfrühten Tod des Mannes enden. Man hält sich gegenseitig für die Lösung aller Probleme: sie ihn für einen General mit dicker Pension, er sie für Frau Kommerzialrat a.D. Um jedoch den glückseligen Hafen der Ehe mit Erbanspruch zu erreichen, muss erst noch etwas Schminke auf die Wirklichkeit. Der Schmähtandler hilft: Kurzerhand werden Generalsuniform und angemessenes Mobiliar organisiert, wird Ambrosius’ Tochter Ariane zum Stubenmädchen degradiert, Valeries pubertierender Sohn zum Botschafter befördert sowie Drehorgelfrau Mascha und Bettler Kasimir als fürstliche und richterliche Verwandtschaft eingestellt.

Der Schmäh der Lotte Ingrisch, die hier den faulen Zauber einer im Kern ganz auf Gewinnstreben abgestellten Welt desavouiert, ist zunächst von der boshaft-sarkastischen Art. Und doch ist da zugleich immer eine tiefe Sympathie spürbar, ein Einverständnis damit, dass diese Welt nicht anders bewältigt werden kann als mit ihrer Verzauberung.

Lotte Ingrisch wurde bekannt mit ihren amüsant makabren "Damenbekanntschaften", populär jedoch als "Hexe von Wien", als Librettistin von Gottfried von Einems Oper "Jesu Hochzeit", deren Premiere 1980 Skandal machte. In ihr lebt das alte Wiener Volkstheater; dessen Guckkastenbühne mit Himmel und Hölle ist für sie Abbildung der Dimension immer neuen Spiels, das Tod und Leben wiederholt. Wie wenig altmodisch oder eingegrenzt dieser Schauplatz, der die Welt bedeutet, für sie ist, lassen schon die Titel ihrer Theaterstücke ahnen, deren Themen und Inhalte Raum und Zeit ignorieren. In den 90er Jahren gründete Lotte Ingrisch "Die Schule der Unsterblichkeit", an der sie in Seminaren die Menschen von Angst und Trauer zu befreien und für transzendente Erfahrungen zu öffnen versucht. Die letzte ihrer zahlreichen Veröffentlichungen über die Materieform Leben, "Physik des Jenseits", hat eine Diskussion unter Neuropsychologen und Paraphysikern ausgelöst. Lotte Ingrisch trägt das österreichische Ehrenkreuz Erster Klasse für Wissenschaft und Kunst. Jedes Jahr erscheinen zwei neue Bücher von ihr. 2013 schrieb sie die Komödie „Schrödingers Katze“ und das Hörspiel „Brennende Nächte“.

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